Dass ich bei einem Projekt mitmache, das den Namen ” Kein Widerspruch ” trägt, ist ein bisschen die Ironie des Lebens. Um die Wahrheit zu sagen: Ich bin ein einziger großer Widerspruch.

Meine Behinderung ist für mich ein Fluch und Segen zugleich. Ein Fluch in dem Sinne, dass sie mir die Normalität verwehrt hat, die ich mir früher so sehr gewünscht habe. Ich wollte einfach nur ein normales Mädchen sein. Ein Mädchen, das mit Freunden ins Kino geht, das stundenlang mit der besten Freundin am Telefon quatscht. Nicht zu vergessen, die Sache mit den Partys und mit den Jungs natürlich.
Für mich war die härteste Erkenntnis im Leben, dass die Leute um mich herum eben nicht dieses Mädchen sahen, sondern immer nur die Behinderte im Rollstuhl. Ich konnte nicht verstehen, warum meine Behinderung, die ich für mich ziemlich schnell akzeptiert habe, für andere so ein großes Problem darstellt. Ein Widerspruch, der mir fast das Leben gekostet hat.

An diesem Punkt erwies sich mein Handicap aber auch das erste Mal als eine Art Segen.

Zumindest weiß ich nicht, ob ich sonst so schnell meine innere Stärke und mein Kampfgeist entdeckt hätte. Irgendwann habe ich dann erkannt, dass ich zwar keine Normalität, so wie ich sie wollte, haben konnte, aber dafür etwas anderes: Freiheit. Ich bin frei, vielleicht nicht körperlich, aber gesellschaftlich.

Wenn niemand etwas von dir erwartet, brauchst du auch keine fremden Erwartungen erfüllen.

Seit dieser Erkenntnis hat sich mein Leben definitiv verändert. Objektiv ist es vielleicht nicht einfacher geworden, immerhin gibt es immer noch Treppen, nicht funktionierende Fahrstühle und vor allem gibt es immer noch Menschen, die mich fragen, ob ich überhaupt lesen kann.
Aber ich kann das alles weniger ernst nehmen. Ich fühle mich im “Anderssein” zuhause. Ich sehe mich gern als eine Art Pipi Langstrumpf. Ich mache mir die Welt so bunt, wie sie mir gefällt und provoziere andere gerne damit. Ich bin eine Grenzgängerin, die ständig an der Vorstellungskraft der Menschen entlang balanciert.

Erst seit einiger Zeit begreife ich immer mehr, dass darin auch eine Mission liegen kann. In der Wahrnehmung der Außenwelt gibt es meist nur zwei Arten von behinderten Menschen: der Held oder das bemitleidenswerte Wesen. Auch hier erfülle ich wieder keine Erwartungen.

Ich habe keine außerordentliche (sportliche) Begabung vorzuweisen, weigere mich die meiste Zeit aber auch in Selbstmitleid zu versinken. Eigentlich versuche ich nur, mein Leben, so wie es ist, halbwegs gut über die Bühne zu kriegen und dabei soviel Spass zu haben wie nur möglich. Hier schließt sich der Kreis zur Normalität wieder.

Ich möchte den Irrglauben besiegen, dass ein Leben im Rollstuhl zwangsläufig in einer Parallelwelt stattfindet. Es ist nur ein anderes Leben, weil die Gesellschaft es sich nicht anders vorstellen kann. Handicaps, Normalität und Lebensfreude bilden keine Widersprüche.

Hört auf, welche daraus zu machen!

 

11. Oktober 2017