Ich bin Raul Krauthausen. Ich bin Berliner und Aktivist. Und ich besitze Glasknochen.

Auf den ersten Blick finden andere Menschen meine Erscheinung oft widersprüchlich. Vor allem bei Kindern kann man immer wieder das gleiche Phänomen mitverfolgen: Wie sie staunen und in ihren Köpfen mit offenem Mund nach der passenden Kategorie für mich suchen, wenn sie einer bärtigen männlichen Person mit einer kinderähnlichen Statur im wörtlichen Sinne auf Augenhöhe begegnen. “Du siehst ja witzig aus”, platzte neulich ein kleines Mädchen an Stelle einer üblichen Begrüßung heraus, als würde sie ein besonders kreatives Faschingskostüm loben. Nach einem kurzen Moment der Sprachlosigkeit fand ich diese geradlinige und kindlich-enthusiastische Reaktion doch sehr erheiternd. Und: Ihr spontan geäußertes Urteil beschreibt mich eigentlich ganz gut: anders und dabei humorvoll. Und eben nicht “anders, aber…” – oder mit den ironischen Worten eines Slogans aus dem Projekt Leidmedien.de: “Obwohl ich vom Schicksal gebeutelt bin, lächle ich oft.”

Humor und das Fünkchen Selbstironie sind seit mittlerweile 10 Jahren auch das, was die Arbeit der Sozialhelden, die ich 2004 mit ein paar Freunden ins Leben gerufen habe, begleitet. Und die Annahme, dass Widersprüche sowieso nur entstehen, wenn man in schwarz-weiß, richtig-falsch, “so-ist-es”-“so-ist-es-nicht” denkt. Wir hinterfragen den Blick auf Menschen mit Behinderung und geben mit unseren Projekten wie Leidmedien.de, Wheelmap.org, Wheelramp.de oder BrokenLifts.org lösungsorientierte Antworten. In der Hoffnung, dabei mitzuhelfen, auf aktive Weise die gängigen Vorurteile in der Gesellschaft etwas abzubauen.

Dies ist mir auch bezüglich meiner eigenen Person sehr wichtig und daher betone ich bei vielen Gelegenheiten (– gerade das hat mich wahrscheinlich wie viele andere der hier vorgestellten “Protagonisten” zum Aktivisten gemacht –): Ich lebe in keinem “Wohnprojekt”, sondern einer WG, die sich über die Plattform WG-gesucht gefunden hat wie viele andere WGs in Berlin. Ich habe keine “Pfleger”, sondern Assistenten, die morgens und abends arbeiten. Ich habe eine Partnerin, und nein, sie hat keine Behinderung. Ich “leide” auch nicht den ganzen Tag. In einigen Situationen habe ich sogar Vorteile: Ich kann umsonst Bus fahren, bekomme eine günstigere Bahncard, kann kostenlos eine zweite Person mitnehmen, muss nicht putzen oder Umzugskisten schleppen…

Natürlich stellen mich meine Glasknochen auch vor gewisse Herausforderungen. Osteogenesis Imperfecta (Glasknochen) bedeutet, dass meine Knochen schneller brechen als bei anderen. Körperlich und mental ist das an manchen Tagen anstrengend. Hinzu kommen die Hindernisse, die jedem Rollstuhlfahrer begegnen: Stufen, Kopfsteinpflaster, kaputte Aufzüge,… Ich benutze daher eigentlich gern den Ausdruck “behindert”, weil er von der Wortbedeutung her auch so ausgelegt werden kann, dass ich in meiner Umgebung behindert werde.

Dieses kleine Beispiel zeigt außerdem: Ein und derselbe Sachverhalt (z.B. “Behinderung”), ein und dieselbe Person, ein und dasselbe Leben haben viele Facetten. Es kommt darauf an, aus welcher Perspektive man die Dinge betrachtet. Aus meiner (Rollstuhl-) Perspektive heraus habe ich dazu vor kurzem ein Buch geschrieben (“Dachdecker wollte ich eh nicht werden”). Nicht nur, um meine Sicht für anderen Menschen erfahrbar zu machen, sondern um ihr auch selbst bewusster zu werden.

Ich tue das, was ich tue, weil die Realität, die ich erlebe, “anders” ist, als man durch die gängigen Muster, Kategorien und Schubladen, die in der Gesellschaft herangezogen werden, beschreiben kann. Sie blockieren nur die Möglichkeit, die vielen weiteren und vor allem wirklich interessanten Perspektiven zu erfahren, die irgendwo in der Mitte von zwei Extremen liegen. Und dann gibt es auch gar keinen Widerspruch in einer Person. Sondern nur Vielseitigkeit.

Eine meiner vielen Seiten ist vielleicht, dass ich witzig aussehe.

 

11. Oktober 2017