„Wie fühlt sich so eine Behinderung eigentlich an?“

 

Spätestens wenn mich eine Person besser kennengelernt hat, höre ich diese Frage.
Ein Leben ohne Behinderung kann ich mir nicht vorstellen.
Bei meiner Geburt erlitt ich eine Hirnblutung, die jedoch zunächst unbemerkt blieb.

Meine Mutter machte sich erste Gedanken, als sie bemerkte, dass ich nur auf der rechten Seite lag. Erst ein ganzes Jahr später, als ich noch nicht sitzen konnte, kamen erste Zweifel auf. ein damaliger Kinderarzt konnte keine Diagnose stellen, verschrieb mir jedoch Krankengymnastik.

Jetzt stand für meine Mutter fest: Sie musste etwas unternehmen – und zwar so schnell wie möglich. Nach etlichen Anläufen landeten wir zuletzt im Kinderzentrum München. Dort wurde endlich die Diagnose gestellt: Ich hatte eine Halbseitenlähmung.

Von nun an machte ich Fortschritte und kam langsam aber sicher auf die Beine. Die meiste Zeit musste ich jedoch im Rollstuhl verbringen.

In der Schule hatte ich es nicht leicht. Meine Mitschüler kamen selten mit mir zurecht, die Unterstützung durch Lehrkräfte fehlte. Doch letztendlich wurde die Situation mit der Pubertät, und damit der Reife wesentlich angenehmer. Ich muss sagen, dass ich mich in meinen letzten beiden Klassen bis zum Schluss sehr wohl gefühlt habe. Dort gab es keinen Unterschied zwischen „behindert“ und „normal“, meine Behinderung war einfach da. Ja, sie gehörte (und gehört nach wie vor) einfach zu mir – so wie andere Sommersprossen haben.

Mit dem Beruf klappte es nicht auf Anhieb. Oft wurde ich abgelehnt, bekam nicht einmal eine ordentliche Begründung für die Absage. Durch meine Hirnblutung habe ich starke Schwierigkeiten in Mathematik – im IT-Sektor nicht gerade von Vorteil. Mein Wunsch, eine Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration blieb erst einmal unerreichbar. Doch wie so oft in meinem Leben, sollte sich das Blatt noch wenden.

Nachdem ich viele erfolglose Bewerbungsgespräche hinter mir hatte, beschloss ich zunächst, nach meinem Realschulabschluss eine Berufsfachschule zu besuchen, um mich im kaufmännischen sowie im technischen Bereich weiterzubilden – in der Hoffnung, bessere Aussichten auf einen Ausbildungsplatz zu bekommen.

Dort hatte ich während einer Projektarbeit die Chance, einige Unternehmen aus der Region von meinem Talent und meinem starken Willen zu überzeugen – mit Erfolg. Innerhalb einer Woche, nach mehreren Gesprächen und Probearbeiten, hatte ich endlich meinen Ausbildungsvertrag in den Händen.

Nun mache ich eine Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration bei einem internationalen Software- und Systemhaus.

Eine Behinderung ist für mich kein Handicap – im Gegenteil: Sie zeigt, wie vielfältig ein Mensch sein kann. Ich selbst habe durch mein Leben mit einer Halbseitenlähmung sehr viel an Erfahrung gesammelt und kann mir ein „normales“ Leben nicht vorstellen, obwohl ich mittlerweile nur noch Einlagen tragen muss und nicht mehr auf andere Hilfsmittel angewiesen bin.

In meinem Freundes- und Bekanntenkreis ist das noch nie ein Problem gewesen. Ich gehe sehr offen mit dem Thema um und kann über mich selbst lachen. Die Sache ist dann oft schon wieder vergessen.

Dass ich soweit gekommen bin, habe ich vorallem meinem starken Willen zu verdanken, obwohl ich oft mit Niederlagen zu kämpfen hatte und an mir selbst zweifelte. Mittlerweile bin ich fester Überzeugung, dass man vieles schaffen kann, wenn man an sich glaubt – wenngleich auch nur auf Umwegen.

Ich bin bis heute meiner Mutter dankbar, dass sie die Hoffnung nie aufgegeben und immer an mich geglaubt hat – eine Halbseitenlähmung ist eine Hürde, aber keine unüberwindbare!

 

11. Oktober 2017