Kein Widerspruch? Ich lege Widerspruch ein! Ich habe schon immer gerne widersprochen, wenn mir etwas zu einfach erschien. Und was soll so schlimm sein an Widersprüchen? Wir leben doch alle irgendwie in ihnen und mit ihnen.

Seit 1993 lebe ich nach einem Autounfall mit einer Beeinträchtigung, einer Querschnittslähmung und mit all den Behinderungen von außen, die dazugehören. Nicht, dass sich gar nichts geändert hätte durch diesen durchaus einschneidenden Vorfall, aber was Leben für mich wertvoll macht, hat sich – nicht – total verändert. Es hat sich zum Teil sogar erweitert. Was aber eine durchgängige Qualität ist, wie ich es empfinde, dass Widersprüche in einem Leben bereichernd sein können und nicht nur etwas, das man (negativ) aushalten muss. Dass ich diese Einsicht bereits vor meiner Behinderung hatte, mag einen positiven Umgang mit mir selber als dann behinderter Mensch befördert haben.

Vielfalt – In meinen Studien um 1990 herum und später (Lehramt, Pädagogik, Kunstpädagogik) interessierte mich immer wieder das Thema Vielfalt in verschiedenen Zusammenhängen insbesondere in der Philosophie und der Kunst, aber nicht nur als abstraktes oder theoretisches Thema, sondern direkt auf Menschen bezogen, nicht zuletzt auf meine eigene Person. In meiner Zulassungsarbeit (fürs Lehramtsstudium) behandelte ich dieses Thema metaphorisch, auf bildhafte Weise. Eine durchgehende Idee der Arbeit war dabei ein Dreischritt: Hochflug, Sturzflug, Traumflug. Der Titel der Arbeit: „Fliegen als Denkbild“. Hochflug und Sturzflug sprechen bildhaft für sich. Den „Traumflug“ beschrieb ich als eine spezielle Fortbewegungsart auf der Erde, die könnte man sagen auch die Vielfalt und Widersprüchlichkeit des Menschen beschreibt, mit mehr als nur einer Identität. Ein anderes Bild dafür fand ich in einem „aus sich rollenden Rad“ (Friedrich Nietzsche). Auch hier beschrieb ich sinngemäß, dass der Verlust eines harmonischen Rollens zu etwas Neuem führt, zu einem neuen Wert. Man kann es als ein Bild für Kreativität verstehen, die jeder Mensch hat.
In Bezug auf Leben mit Behinderung könnte man sagen, dass was normalerweise als Verlust oder Defizit beschrieben wird, Teil eines Schritts nach vorne und Teil eines insgesamt reicheren Lebens sein kann. Also nicht nur „kein Widerspruch“ ist, sondern einen Mehrwert hat.

Reisen – Ab etwa 1996 begann ich zu reisen: In Deutschland, in Europa, mit ersten Fernreisen. Hier zeigte sich für mich immer wieder wie das Praktische das Denken beeinflusst. Der größte als erstes spürbare Unterschied zwischen Deutschland und manchen Ländern betraf noch in den 90-er Jahren die Barrierefreiheit, gerade auch für jemanden, der wie ich im Rollstuhl unterwegs war. Ich unternahm einige Reisen in die USA, reiste dabei jeweils alleine an. Ich wollte mir und anderen zeigen, dass ich es alleine kann. Die USA waren in dieser Zeit deutlich weiter als Deutschland, von abgeflachten Bordsteinen, grundsätzlich zugänglichen Läden, guten Verkehrsangeboten bis hin zu barrierefreien Hotels in allen Preisklassen, auch günstigen. Ein wichtigerer Unterschied lag darin, wie einem als Mensch begegnet wurde, dort recht normal, mit einer gewissen Neugier, aber nicht aufdringlich, höflich und auf ebenbürdige Weise. Gut erinnere ich mich an eine Rückreise, die mich, wieder zurück in Deutschland, nahezu schockierte. Ich kam nach mehrwöchigem Aufenthalt wieder zurück und wollte mit der Bahn von Frankfurt/Flughafen nach Würzburg. Ein Schaffner meckerte mich an, weshalb ich die Fahrt nicht angemeldet hätte, und kam mir dabei körperlich recht nahe mit unangenehmen Gestank. Ich fühlte mich wie von einer Welt (mit Service) in eine völlig andere geworfen. In den Straßen richtete sich nun mein Blick wieder häufig nach unten auf Bordsteine und Stufen an Eingängen, nachdem ich mich zuvor schnell daran gewöhnt hatte fast überall reinzukommen und willkommen zu sein.
Mein Fazit aus diesen ersten Reisen Ende der 90er Jahre war schnell gefunden: Barrieren sind keine Natursache. Sie sind von Menschen gemacht. Nicht meine Beeinträchtigung macht Probleme, sondern Probleme sind gesellschaftlich gemacht, seien es die gebauten Barrieren oder die Einstellungen gegenüber anderen Menschen. Und man kann das alles verändern. Das führt mich zum nächsten Feld.

Politik – Politische Zusammenhänge interessierten mich schon als Jugendlicher, ein Grundinteresse gab es auch als ich zu studieren begann. Den Schritt aktiv auf die Politik Einfluß zu nehmen bis dahin selber als Politiker zu arbeiten, machte ich erst, als ich ein Thema fand: Die Selbstbestimmung behinderter Menschen. Ein gleichberechtigtes Leben als ein Menschenrecht. Inklusion als Ansatz, damit alle Menschen dabei sind und nicht außen vor, egal wie jemand ist. Über die deutsche Behindertenbewegung bzw. Selbstbestimmt Leben Bewegung wurde ich politisch aktiv, mischte mich vor Ort ein, und kam so ab Ende der 90er Jahre zunehmend mit Politik in Kontakt.
2003 trat ich dann den Grünen bei. Die Lust etwas zu verändern, ist es, was mich antreibt. Und zu lernen, was man und wie man es tun muss, um erfolgreich zu sein. Das erste kleine Projekt bei meinen Würzburger Grünen war den Umzug in ein barrierefreies Büro zu betreiben. Das dauerte immerhin ein gutes Jahr, doch das neue Büro war, wie sich schnell herausstellte, besser für Alle. In den folgenden Jahren lernte ich einiges, um zu verstehen wie Politik funktioniert. Niederlagen gehören dabei dazu. Ich kann auch nicht behaupten, dass ich alles oder alle mag, aber auch das ist Teil des Geschäfts, und gilt natürlich auch umgekehrt: nicht alles, was ich tue, müssen alle mögen. Schließlich mache auch ich Fehler, wie jeder Mensch. Politik kann sehr anstrengend sein, vieles widersprüchlich. Meine Beeinträchtigung hindert mich jedoch nicht grundsätzlich, solange ausreichend Gesundheit und Kraft vorhanden ist. Wer ernsthaft politisch erfolgreich sein will, gesetzte Ziele erreichen, braucht vor allem: Eine Leidenschaft für ein Ziel. Sowie Mittel und Wege dahin zu gelangen. Das Feuer brennt in mir auch größere und schwierigere Ziele anzugehen. Ein Mensch mit Behinderung im Parlament, da bin ich sicher, ist beileibe kein Widerspruch. In den meisten Parlamenten fehlen aber behinderte Menschen. Das zu ändern ist eines meiner Ziele. Vielleicht mich selbst oder auch andere in die Lage zu versetzen das zu erreichen.

Widersprechen ist durchaus erlaubt und gut. Widersprüche können sogar zu besseren Ergebnissen führen. Es ist kein Widerspruch mit einer Behinderung zu leben und alle möglichen Dinge zu tun, die auch andere tun. Es gibt behinderte Menschen, die sich wie ich ihre Beeinträchtigung im Laufe des Lebens zugezogen haben und trennen: zwischen einem Leben vorher und nachher. Manche gehen sogar so weit einen zweiten Geburtstag zu feiern. Ich tue das nicht! Es gibt für mich viel mehr Kontinuitäten als Veränderungen vorher und nachher. Das ist jedoch mein subjektiver Umgang mit mir selber. Kein Widerspruch zu anderen Lebens-, Sehens- oder Fühlensweisen.

 

11. Oktober 2017