Mein Name ist Marina Zdravkovic und nicht nur der ist sehr auffällig.
Schon sehr früh bemerkte ich, dass mein Leben ein wenig anders ist als das vieler anderen. Aufgrund meiner Muskelerkrankung hatte ich schon immer ein sehr auffälliges Gangbild und war damit schon aus der Entfernung immer gut zu erkennen. Dies war in der Pubertät nicht immer einfach für mich, gerade was das männliche Geschlecht anging. Nach der Mittleren Reife konnte ich mir noch nicht vorstellen eine Lehre zu absolvieren und irgendwie arbeiten zu gehen und vor allem WAS? Meinen Traumjob „Archäologin“ konnte ich einbuddeln, also doch lieber Abitur und dann was „solides“ bis zur Rente. Da es in meiner Kleinstadt nur sehr wenig Angebote gab und ich schon immer Veränderungen und neue Herausforderungen suchte, bewarb ich mich nach München in ein großes Unternehmen. Nach einem langen Auswahltag und einem interessanten Abschlußgespräch hatte ich die Ausbildung in der Tasche. Das selbstständige Leben konnte nun endlich beginnen! Schon für einen jungen Menschen ohne Handicap ist dies ein großer und besonderer Schritt, für mich war es ein komplexes Projekt. Eine gehbehindertengerechte- und auch bezahlbare Bleibe musste gesucht werden (in München nicht gerade so einfach), alle öffentlichen Verkehrsmittel mussten getestet werden (in die alte Straßenbahn konnte ich ohne Hilfe nicht einmal einsteigen), neue Freundschaften geschlossen und neue Ausgehmöglichkeiten begutachtet werden.
Der Sprung in die Selbstständigkeit ist sicher eine der wichtigsten Erfahrungen meines Lebens gewesen. Mein Leben trotz Einschränkungen in die Hände zu nehmen, mich sowohl persönlich als auch beruflich zu entwickeln hat mich geprägt. Dank meiner Kontaktfreude, dem Spaß am Leben, der Unterstützung durch meine Familie und Freunde und meiner großen Leidenschaft die Welt zu bereisen (selbstorganisiert) konnte ich den alltäglichen Problemen und Gesundheitsverschlechterungen entgegentreten.
Nun bin ich seit mittlerweile 20 Jahren in München. In den Jahren hat sich sehr viel getan. Seit 12 Jahren bin ich in Patchwork (zwei Stiefkinder) verheiratet und nein mein Mann ist kein Rollstuhlfahrer (das ist so eine klassische Frage von Mitmenschen). Wir fallen nun gemeinsam auf (er der gutaussehende Fußgänger und ich die hübsche „arme“ Frau im Rollstuhl). Beruflich habe ich mit seit meiner Ausbildung innerhalb des Unternehmens mehrfach verändert und interessante und abwechslungsreiche Positionen innegehabt. Aktuell arbeite ich als Referentin im Ideenmanagement und kann dort meine ganzen Fähigkeiten und Kenntnisse einbringen. Aufgrund meines Migrationshintergrundes und meiner eigenen Behinderung engagiere ich mich zusätzlich als stellv. Schwerbehindertenvertrauensfrau im Unternehmen für andere Menschen mit Beeinträchtigungen und arbeite hier an verschiedenen Projekten mit (ein besonders schönes Projekt ist die Integration von Menschen mit Sinnesbehinderungen).
Ich möchte anhand meines Beispiels andere Menschen dazu ermutigen ebenfalls ihren Weg zu gehen, über den Tellerrand hinauszuschauen und auch „eigene“ Barrieren im Kopf zu überwinden. Viele Dinge (die für manche Menschen auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen) sind möglich und jedes Potential (auch bei einem GdB von 100) schreit danach genutzt zu werden. Es werden noch viele Mitmacher gesucht!

11. Oktober 2017