Irgendwann als ich fünf Jahre alt war, stand an einem Morgen ein Plastikkästchen auf dem Küchentisch. Im ersten Moment freute ich mich, es gibt ja dieses Phänomen bei vielen Menschen, sich die ersten Stunden enorm über ihre Zahnspange zu freuen. Da gibt es eine schicke, bunte Box und es ist aufregend, sich ein Gerüst in den Mund zu schieben, das von einem Zahnarzt sorgfältig angepasst wurde. Die Aufregung, die mich an diesem undatierten Tag in meinem fünften Lebensjahr ereilte, lässt sich mit jener, die eine Zahnspange verursacht vergleichen. Klick-Klack machte die Dose und sprang wie von selbst auf. Da lagen sie, meine Hörgeräte. Eingepfercht in diese Box sahen sie aus wie zwei zu groß geratene Partywürstchen. Die Freude darüber, von nun an Würstchen hinter den Ohren zu haben, hielt nur kurz an. Plötzlich waren da viele Menschen, die mich begutachteten. Ich musste würfeln, Fische in einem Zug versuchen zu malen, Formen zuordnen und Worte nachsprechen, die aus einer Box kamen, in der sich offensichtlich ein kleiner Mann befand und sich einen Spaß daraus machte, ein Wort zu rufen, das einem anderen Wort ähnlich war. MUT – WUT – LIEF – RIEF. Niemand wollte mich in seine Schule aufnehmen und ich galt als entwicklungsverzögert, weil ich einzelne Worte falsch verstand und zu häufig träumend in der Gegend herum lief.

Als ich dann doch einen Platz in einer Waldorfschule bekam, trug ich meine Schultüte den ganzen Tag mit mir herum wie einen Siegerpokal für alle Tests, die ich im Vorfeld absolvieren musste. Irgendwer hielt mich also doch für integrierbar, ob ich nun Fische in einem Zug malen konnte oder nicht. Vielleicht hatte auch der Mann in der Box im Nachgang Mitleid mit mir. In der Schulpause kamen die Kinder zu mir und fragten mich, ob ich sie verstehe. Wenn ich verneinte, lachten sie und sagten mir kopfschüttelnd, sie hätten ja gar nichts gesagt. Daraus wurde ein Spiel, dessen Spaßfaktor für mich eher gering war. Ich begann mich anders zu fühlen als die Kinder, die mich umgaben. Jeder wollte mit jedem gehen, mit mir wollte keiner gehen. Das ich, wie 90 Prozent aller anderen Mädchen in diesen einen großen Mädchenschwarm verknallt war, wurde belächelt und immer wieder kommentiert. Mit diesen komischen Dingern hinter dem Ohr hatte ich natürlich nicht den Hauch einer Chance, das war klar. Ich war also uncool, weil ich schlecht hörte. Das Hörgeräte irgendwann zu einem angesagten Accessoire werden wie Brillen, haben die Designer irgendwie noch nicht geschafft. Einmal hat mich jemand in der Bahn angesprochen: »voll krasses, fettes Pircing hast du da im Ohr…« Als ich ihm sagte, dass sei ein Hörgerät, ist er rot geworden und hat sich dreimal entschuldigt. Noch immer kommt es vor, dass Eltern ihren Kindern peinlich berührt die Arme nach unten ziehen, wenn sie in der Supermarktschlange fragend auf meine Hörgeräte zeigen.

Ich bin froh, dass ich nach neun Jahren noch einmal die Schule gewechselt habe. Ich war mit einem Mal beliebt, es war den Leuten ziemlich schnuppe, was ich da hinter den Ohren hatte. Ich bekam das Gefühl ein ganzer Mensch zu sein, dem nur die Fähigkeit fehlt, gut zu hören. Ich habe dafür immerhin den besten Schlaf der Welt und muss mir nicht anhören, was andere Leute neben mir in der Bahn in ihr Telefon meckern. Wenn es zu laut wird, mache ich meine Hörgeräte einfach aus. Das mir nach meinem Schulwechsel keine Sonderrolle mehr aufgrund meiner Hörgeräte zugesprochen wurde, war das Beste, was mir passieren konnte. Ich habe gelernt, über meine Fehler lachen zu können und meine Behinderung auch mit Humor zu sehen. Das Wichtigste ist aber, dass ich Dinge schaffe, weil ich es aufgrund meiner Persönlichkeit und Eigenständigkeit so will und nicht »wegen« oder »trotz« meiner Behinderung.

Wie komplex das Thema Behinderung in der Gesellschaft ist, habe ich später zunächst als Ergotherapeutin aus der praktischen Sicht festgestellt. Viele meiner Patienten sahen nur ihre Einschränkung, sie konnten nicht anders damit umgehen, da allein der Gang zu vielen Ämtern beschwerlich war. Und das nicht ausschließlich, weil sie aufgrund körperlicher oder psychischer Belange dort schlecht hinkamen, sondern weil die Bewilligungen unterschiedlicher Gelder oder Hilfsmittel auf der ständigen Rechtfertigung beruhte, ob sie dieses oder jenes noch können oder eben nicht mehr können und genau beschreiben und vorführen mussten, was noch geht oder was nicht. Viele wurden also ausschließlich mit ihrer Behinderung konfrontiert, nicht aber mit den Dingen, die sie konnten und welche ihre Persönlichkeit ausmachten. Und es geht meiner Meinung nach genau darum, normal behandelt zu werden und sich zugehörig und wertgeschätzt zu fühlen ohne das man sich rechtfertigen muss, warum man nicht mehr telefonieren kann oder beispielsweise einen Assistenten für die Verrichtung alltäglicher Dinge braucht.

In bestimmter Hinsicht eingeschränkt zu sein und trotzdem ein normales Leben zu führen ist kein Widerspruch – nur muss hier noch viel Umdenken in der Gesellschaft passieren um das möglich zu machen. Wenn ich eine Email schreibe, in der steht, dass ich eine schriftliche Antwort wünsche, da ich am Telefon Verständnisprobleme habe, erwarte ich, dass mein Wunsch respektiert wird. Häufig werde ich daraufhin schreiend angerufen. Wenn ich einen Vortrag oder ein Theaterstück besuche, muss ich vorne sitzen. Ich bin darauf angewiesen, dass mir jemand einen Platz reserviert. Das sind Momente, in denen ich mit einem schlechten Gefühl dahin gehe, weil die Erfahrung ist, dass es eben nicht immer so klappt: »Ach, fünfte Reihe ist schon zu weit weg?«

Ich habe in meiner Bachelorarbeit meines Designstudiums eine Zeitschrift konzipiert und gestaltet, in welcher über Menschen mit Behinderung berichtet werden soll, nicht weil sie behindert sind oder besondere Dinge schaffen »trotz« ihrer Behinderung, sondern weil sie spannende Projekte machen oder bemerkenswerte Persönlichkeiten sind, wie jeder andere auch. Viele Medien haben leider noch immer das Problem, Menschen, die Einschränkungen haben und eine Geschichte wert sind, sie ausschließlich auf ihre Behinderung zu reduzieren. Da Medien viel zur Bildung einer Gesellschaft beitragen, fängt das Umdenken hier an. Das jeder dazu beitragen kann und es sich immer lohnt damit anzufangen, egal wie hindernisreich einem die Aufgabe erscheint, ist ein essentieller Punkt, den ich im Studium gelernt habe. Ebenfalls habe ich dort gelernt, sich für seine Rechte einzusetzen und wenn es ab und zu Rückschläge gibt, nicht gleich die Flinte ins Korn zu schmeißen. Und das wichtigste ist eben auch, sich mit seiner Einschränkung nicht in allen Lebensbelangen zu wichtig zu nehmen, denn nur so kann man auch normal behandelt werden. Also, los gehts! Fangen wir an, die Widersprüche aufzulösen.

 

11. Oktober 2017