Servus. Ich, Johannes Kruse, bin als hörgeschädigter Mensch aufgewachsen. Dies ist eine unsichtbare Behinderung und eine Kommunikations-Behinderung. Besser gesagt: Die Gesellschaft macht uns behindert, da es Gehörlose schwer haben, Kontakt zu Hörenden aufzunehmen. Ich kommuniziere oft mit Händen mit meinen Freunden (Gebärdensprache), was für andere Leute komisch aussieht. Sellen Sie sich vor, Ihr Gehör funktioniert nicht mehr richtig oder Sie befinden sich in einer sehr lauten Umgebung, wie können Sie sich richtig mit anderen Leuten unterhalten? Ich finde es schade, dass in Deutschland sehr schlecht über Hörgeschädigte aufgeklärt wird. Viele Menschen wissen nicht, wie man mit kaputten Ohren kommunizieren kann. Ich bin als hochgradig schwerhörig aufgewachsen und benutze trotzdem die Gebärdesprache, da die Gebärdensprache zu meiner Kultur gehört. Ich kann sogar gut sprechen und ausreichend hören und kann mich mit Hörenden unterhalten.

Nach dem Motto: “Ich kann alles außer hören”. Es gibt immer noch große Barrieren für Hörgeschädigte. Nur ganz langsam beginnt ein Umdecken und es gibt nur kleine Schritte, damit Hörgeschädigte in die Gesellschaft integriert werden.Da gibt es noch sehr viel zu tun. Es gibt schon mehr Sendungen im TV mit Untertiteln, aber längst noch nicht alle. Es gibt schon weniger Barrieren durch verbesserte technische Hilfsmittel wie z.B. Spracherkennungssoftware, schriftliche Kommunikation dank Chat-Programm im Handy wie auch bei Hörenden, Türklingel/Wecker dank Lichtanlage/Vibration. Es gibt immer noch viele Nachteile. z.B. Ehe-Beratung, Auto-Versicherung, Verbraucherschutz, Autokauf-Beratung . Da müssen sich gehörlose selber um Dolmetscher kümmern und diese dann aus eigener Tasche bezahlen. Das ist für viele gehörlose nicht möglich.

So verlief mein Leben bis jetzt, ich habe vieles erreicht. Ich habe das Studium als Dipl.-Ing. Fahrzeuginformatik in Wolfsburg absolviert und habe es erfolgreich abgeschlossen, genauso wie auch andere Absolventen. Für mich gab es keine große Schwierigkeiten. Es gibt ja Gebärdensprach-Dolmetscher/innen und die haben die Vorlesungen immer in Gebärdesprache übersetzt und so habe ich alles verstanden was die Professoren erklärten, genau wie die Hörenden. Gehörlose können auch vieles erreichen, genau wie alle anderen. Es ist selbstverständlich für Gehörlose zu denken, zu arbeiten, den täglichen Alltag zu bewältigen, körperliche Tätigkeiten auszuführen, beim Fußball mitfiebern, Auto fahren, Hobbys zu haben u.v.m. Genauso wie bei euch Hörenden. Es gibt keinen Widerspruch.

Was ich wirklich traurig finde, viele Firmen,bei denen ich mich schon beworben habe, schicken mir fast nur Absagen, ohne meine Leistungen zu prüfen. Ich werde ständig wegen meiner Hörbehinderung diskriminiert. Was ich alles erlebt habe: Führerschein bestanden, Tauchen (habe keine Gleichgewichtstörung trotz kaputter Ohren), ganz allein nach New York City geflogen und dort die Kultur entdeckt, ehrenamtliche Tätigkeiten für Gehörlosenverein, telefonieren über Internet mit Gebärdensprach-Dolmetscher, Nachhilfestunden für Schüler, Autofahren. Ich mache gerade ehrenamtlich eine Ausbildung mit 17 Gehörlosen zusammen für eine Übungsleiter-Lizenz bei BLSV (Bayerische Landessport Verband).Dadurch kann ich andere junge Leute im Sport fördern und mein Wissen und meine Erfahrung weitergeben als Trainer.
Ich wünsche mir für alle Hörbehinderten Menschen in unserem Land, dass sie die gleichen Chancen haben, wie Hörende. Wir möchten so akzeptiert werden wie wir sind. Wir sind nicht Menschen zweiter Klasse und wir möchten uns mit unseren Talenten und Fähigkeiten in die Gesellschaft einbringen. Wir kämpfen für unsere Gleichbehandlung. Für einen Hörbehinderten ein Studium zu absolvieren ist eine grössere Leistung, wie für einen Hörenden. Ich wünsche mir, dass ich eine Chance bekomme, das zu beweise.

 

11. Oktober 2017