Hallo, ich möchte mich kurz vorstellen: Meine Name ist Georgina Schneid und ich bin 23 Jahre alt. Ich bin in einer anderen Muttersprache aufgewachsen und zwar die Deutsche Gebärdensprache (DGS), ja richtig, ich bin bereits seit der Geburt gehörlos. In Deutschland gibt es ungefähr 80.000 gehörlose Menschen und ich kann schon sagen, dass ich mir nicht vorstellen kann, hörend zu sein, und deshalb bin ich „stolz“ drauf, nicht hören zu können (das klingt eigentlich komisch, denn für die Hörenden ist es meistens unvorstellbar oder schlimm, aber bitte nicht vergessen, ein Beispiel (von vielen): Gehörlose können die Ruhe am Morgen besonders genießen   ). Auf der anderen Seite gibt’s natürlich auch öfter Barrieren und Probleme wie Dolmetschermangel, Telefon, Zugdurchsagen und Kommunikation mit hörenden Menschen. Im Alltag kommen auch typischen Fragen immer wieder vor, zum Beispiel wie „Können Gehörlose doch lesen?“, „Woher hast du Sprechen gelernt?“, „Warum kann deine Schwester hören, aber deine Eltern nicht?“, „Können Gehörlose Auto fahren?“, „Kannst du nichts hören?“, „Vermisst du die Musik nicht?“, „Wie kannst du den Startschuss beim Laufen hören?“, „Machst du bei den Paralymipcs mit? Deaflympics, noch nie gehört! Was ist das?“ u.s.w.
Nachdem ich mein dreijähriges Fachabitur im Zweig Wirtschaft absolviert habe, nahm ich eine 2 ½ jährige Ausbildung als Industriekauffrau bei einem großen Unternehmen, diese habe ich im Januar 2014 erfolgreich bestanden. Natürlich war es am Anfang nicht leicht, in einer neuen “Welt” bzw. in der Berufswelt, die ich vorher nicht richtig gekannt habe, zu sein. Es war fast ein Gefühl, als ob ich ins kalte Wasser gesprungen bin und erst gerade angefangen habe, schwimmen zu lernen. Während der Ausbildung sammelte ich neue Erfahrungen und viele Herausforderungen, die meine Persönlichkeit stark weiterentwickelt haben. Neben dem Beruf betreibe ich sehr gerne Sport, wobei ich schon seit Jahren als Leistungssportlerin in der Leichtathletik im Siebenkampf aktiv bin. Eine Bilanz, die sich sehen lassen kann: 4x Weltjuniorenrekord, 1x Silber sowie 3x Bronze bei den EM für Gehörlose, 1x Silber bei den WM für Gehörlose, zweimalige Teilnahme an den Deaflympics (= Weltspiele für Gehörlose). Von einer tollen Erfahrung, die ich nicht vergessen kann, möchte ich euch kurz erzählen und zwar wurde ich zu einem Wettkampf nach Bilbao/Spanien im Jahr 2011 eingeladen. Dort waren fast nur behinderte Sportler aus aller Welt anwesend (manche von denen waren/sind Paralympics-Teilnehmer), und meine sehr hübsche Zimmerkollegin aus Spanien, die im Rollstuhl saß, und konnte mit mir nicht kommunizieren, da sie kein Englisch kannte und ich kein Spanisch, aber wir haben uns irgendwie doch so gut verstanden und wurden in diesem Wettkampf unzertrennlich.
Da es in diesem Jahr keine internationalen Wettkämpfe für Gehörlose geben wird, möchte ich auf jeden Fall einen Trainerschein erwerben, um meine sportlichen Talente an Kinder weitergeben zu können. Ach ja, eigentlich sind wir normal, wir sind nur anders! Daher gibt’s kein Widerspruch!

11. Oktober 2017