Autismus – (k)ein Widerspruch

Mein Name ist Gee Vero. Ich wurde 1971 in der Nähe von Leipzig geboren. 2009 bekam ich die Diagnose Asperger Syndrom. Autismus. Endlich ein Name für meine andere Art des Seins.

Autismus ist keine Krankheit, keine Störung und auch kein Widerspruch. Autismus ist eine andere Art der Wahrnehmung. Da jeder Mensch nur auf seine Wahrnehmung, also das Modell der Welt in seinem Kopf, reagieren kann, ist das Verhalten autistischer Menschen zwar anders, aber nicht falsch. Mein Autismus ist auch nur an meinem Verhalten erkennbar. Das bereitet mir zuweilen schon Probleme. Wie alle autistische Menschen habe ich mit der Kommunikation und Interaktion mit anderen Menschen zum Teil große Schwierigkeiten. Man sieht mir meinen Autismus nicht an. Manchmal denke ich, dass es dann vielleicht einfacher wäre. Bei einem Rollstuhlfahrer weiß die Umgebung sofort was Sache ist und hat eine gute Idee davon, was helfen könnte. Bei Autismus ist das fast unmöglich. Ich gehe sehr offen mit meinem Autismus um, aber dennoch ist der Satz „Ich bin autistisch“ nicht Teil meines Vorstellungsrituals. Ich entscheide ziemlich spontan, ob und wie ich meinen Autismus bekannt gebe. Manchmal kommt er mir auch zuvor.

Bei meinem Sohn Elijah ist das anders. Elijah ist 13 Jahre alt, nonverbal und ständig auf Hilfe und Betreuung angewiesen. Er ist frühkindlicher Autist. Er lautiert viel und kommt schnell an die Grenzen seines Seins. Er fällt immer durch sein Verhalten auf. Damit wissen die Leute sofort, das etwas nicht stimmt. Aber was genau das ist, das können sie natürlich nicht wissen. Also  interpretieren sie sein Verhalten und kommen immer wieder zu dem Schluss, dass es sich um ein extrem ungezogenes und unerzogenes Kind handeln muss. Beide Male falsch. Aber wie sollten sie zu einem anderen Ergebnis kommen?

Die nicht-autistische Wahrnehmung verlässt sich auf Erfahrungen und Erwartungen. Sie gleicht mit Erlebtem ab und kommt dann ganz schnell zu einem Ergebnis. Zu viele Menschen leben unter dem Eindruck, ihre Wahrnehmung sei objektiv. Danach beurteilen sie ihre Umgebung. Anstatt mit Toleranz und Akzeptanz reagieren die meisten unserer Mitmenschen dann leider mit Ablehnung und Ausgrenzung. Ein Widerspruch. Wie kann ich das ändern? Was Elijah und ich ( und alle Autisten ) am dringendsten brauchen, ist Akzeptanz. Dann können wir mit unserem Autismus nämlich ziemlich gut leben. Um Autismus zu akzeptieren, müssen die Menschen diese andere Wahrnehmung verstehen. Und wer könnte es ihnen besser erklären als ein Autist. Wenn ich wissen wollte, wie es auf dem Mond ist, dann würde ich Buzz Aldrin fragen und nicht einen Experten von der Bodenstation.

Deshalb begann ich öffentlich über den Autismus – (m)eine andere Wahrnehmung zu sprechen. Seit 2013 mache ich das freiberuflich und bin in Schulen und auf Fachtagungen in ganz Deutschland unterwegs. Als Autistin und Referentin. Als Autistin und Mutter. Als Autistin und Lebensgefährtin. Als Autistin und Künstlerin. Für mich sind das überhaupt keine Widersprüche und ich erkläre meiner Zuhörerschaft gern, warum das so ist.

Autismus ist viel näher an jedem von Ihnen, als mancher glauben will. Autos ( griech. ) bedeutet Selbst und ein Selbst haben alle Menschen. Warum scheinen dann die als nicht-autistisch Bezeichneten mehr im Einklang mit ihrer Umgebung zu sein? Warum scheinen sie besser zurecht zu kommen? Sie haben zu dem Selbst, als Schutz dieses, auch noch ein ICH. Dieses ICH ist der Agierende, ein Schauspieler, eine Maske, die passend zum Anlass getragen wird. Das Leben scheint mir ein einziger Maskenball zu sein und wer da, wie ich keine Maske hat, sondern immer nur Selbst ist, der kann und darf auch bislang noch nicht mittanzen. Das ICH ist es, das sich mit der Umgebung austauscht, Konsequenzen des eigenen Handelns abschätzt und somit auch das Verhalten entsprechend verändern kann. Das ICH ist notwendig, um in der Begegnung mit anderen Menschen bestehen zu können.

Ich habe schon in meiner Kindheit an meinem Patchwork-ICH gebastelt und schaffe es, damit immer besser der Gesellschaft das widerzuspiegeln, was sie sehen muss, damit ich einen Platz in ihr bekommen kann. Es ist schon eine Art Verbiegen, aber genau das tun nicht-autistische Menschen auch. Ihnen fällt das nur viel leichter. Für sie ist wohl eher ein Hobby, was für mich Hochleistungssport ist und es auch immer bleiben wird. Das Verbiegen ist für mich kein Widerspruch. Ein Baum, der sich im Sturm nicht verbiegt, bricht ab. Ich tue es nicht für meine Umgebung, ich tue es für mich, denn ich möchte dazu gehören.

Es gibt noch viele andere Gründe, warum nicht-autistische Menschen besser funktionieren. Sie haben von Anfang an Zugriff auf viele nützliche Programme, deren sie sich unterbewusst bedienen können, wann immer das notwendig ist. In ihren Gehirnen scheint es super ausgebaute Autobahnen zu geben, die auf schnellstem und einfachstem Weg von A nach B führen, während im autistischen Gehirn ein Dschungel durchquert werden muss, der immer wieder dazu zwingt neue und andere Wege zu gehen. Vielleicht sind viele autistische Menschen deshalb so kreativ? Somit wäre Autismus in der Kunst wirklich eher ein Vorteil und absolut kein Widerspruch.

Als Autist nehme ich viel mehr Reize bewusst wahr, die mein System natürlich auch verarbeiten muss. Viele dieser Reize werden als gefährlich bewertet, obwohl sie es gar nicht sind. Bei Gefahr kann ein Mensch nur flüchten, kämpfen oder erstarren…mehr Möglichkeiten gibt es nicht. Haben Sie Angst vor Spinnen? Wenn ja, dann wissen Sie, dass man das System nur ganz schwer davon überzeugen kann, dass es sich irrt. Angst vor Spinnen ist okay…aber was, wenn das System, wie bei mir, Menschen so bewertet oder Begrüßungen, Gespräche, Geräusche, Bewegungen, Ansprachen, Hände schütteln, Blickkontakt, Berührungen, Ansprachen, Lachen, Veränderungen usw.? Dann habe ich nur drei Handlungsoptionen und keine davon ist wirklich sozial adäquat. Aber es ist dennoch kein Widerspruch, denn mein Verhalten ist nicht falsch, sondern einfach nur anders. Es entspricht meiner Wahrnehmung. Und diese Wahrnehmung ist anders. Es ist (m)eine andere Wahrnehmung. Autismus. Kein Widerspruch.

 

11. Oktober 2017