„Von diesen Gästen können wir uns eine dicke Scheibe abschneiden.“, so die Abmoderation von Hans Meiser in seiner Sendung. Einer von vielen Laber – und Beichtplattformen dieser Art Anfang der 2000er. Für mich als einer des Talkgäste klang dieser Satz umso mehr als Hohn, lautete das Thema der Sendung „schaut mich nicht so an, nur weil ich anders aussehe!“, saß ich da zusammen auf der Bühne mit einem Progeria- Kind oder einem Mann mit halben Gesicht im Skurrilitätenkabinett unserer Tage.
Was mir damals als bloße Zurschaustellung meiner Behinderung vorkam (zweifellos war es das auch!) und solch ein Satz des Moderators sicherlich alles andere als ehrlich gemeint war (nichts für ungut, Herr Meiser!), ist für mich heute eine Tatsachenbeschreibung – ohne Effekthascherei, ohne Ironie; ja, man kann sich von mir eine dicke Scheibe abschneiden! Doch nicht weil ich mir mein Leben TROTZ meiner Behinderung nach meiner Facon kreiert habe, sondern MIT ihr. Genauso wie MIT der Tatsache, dass ich Kind aus dem ehemaligen Jugoslawien/heute Bosnien stammender Gastarbeiter bin, dass ich Moslem bin, dass es da noch viele andere Elemente und Facetten in meinem Leben und meiner Persönlichkeit gegeben hat und gibt, die mich die Welt haben so oder so sehen lassen, den Umgang mit vielen Dingen und Herausforderungen bestimmt haben – mich zu der Person gemacht haben, die ich heute bin.
Das Aufwachsen in zwei Kulturen und Welten (Sozialismus und Kapitalismus) und zwei Sprachen (Deutsch und Bosnisch), hat dazu beigetragen, dass ich vorurteilsfrei jeder Lebensform und Mentalität begegnen kann, ihre schlechten Seiten für mich herausfiltern und die guten in mein Leben integrieren kann. Die Beschäftigung mit dem Islam aufgrund meiner familiären Herkunft (etwa lautete das Thema meiner Diplomarbeit an der Modeakademie „Mode und Islam“), hat bewirkt, dass ich die wahre Essenz hinter den Dingen erkennen kann, ungeachtet herdentrieblicher, unreflektierter Meinungen anderer. Das Leben und der Aufenthalt in unterschiedlichen Parallelwelten und Szenen hat dazu geführt, dass ich bei jeder absolut herrschenden Gültigkeit, Konformität oder einer Statushörigkeit in bestimmten Kreisen und Gruppierungen auf Abstand gehe und mich davon nicht vereinnahmen lasse – meine für mich aus mir heraus kommenden Werte lebe und verfolge.

Als einer der bekanntesten Menschen mit einer Behinderung in Deutschland werde ich seit Anfang meiner Medienpräsenz vor nun 15 Jahren von Journalisten oder Redakteuren überwiegend auf meine Behinderung angesprochen, soll ich Statements dazu abgeben, mich in diesem Bereich engagieren. Weil mich dieser Umstand, Rollstuhlfahrer zu sein und die Glasknochenkrankheit zu haben, von der Masse abhebt, der augenscheinlichste und offensichtlichste Unterschied zu den „Anderen“ zu sein scheint. Das ist sehr einfach! Wie sehr dieses Thema tatsächlich eine Rolle für mich ganz persönlich spielt, ist eine andere Sache…
Diese Reduzierung hat mich lange sehr gestört und geradezu fertig gemacht. Heute aber weiß ich, dass ich das, was ich geschafft habe, etwa als Schauspieler zu arbeiten, nicht TROTZ meiner Behinderung geschafft habe. Ja, ich bin Schauspieler, Modejournalist und Theaterproduzent. Ja, ich bin behindert, Moslem, praktiziere Yoga und glaube an eine universelle Wahrheit, bin Bosnier und Deutscher, Vegetarier, esse aber Fisch, ich liebe Mode, mag aber keine Oberflächlichkeit, vor dem Schlafengehen schaue ich oft „Joyce Meyer“ auf Bibel TV und lese dann noch im Bett einige Zeilen im Koran. Und noch vieles mehr…
Nun kann sich jeder herauspicken, was er braucht und was ihn interessiert. Und: nein, ich sehe in alledem keinen Widerspruch!

Und: ja, man kann sich eine dicke Scheibe von mir abschneiden. Welche, bleibt jedem selber überlassen.

 

11. Oktober 2017