Die Musik als Brückenbauer und die Politik als Türöffner

Ich habe Inklusion schon gelebt, als es den Begriff und die Diskussion darüber noch gar nicht gab. Für meine Eltern und für mich war es eine Selbstverständlichkeit, dass ich einen Regelkindergarten und die Regelschule besuchte. Zum Glück trafen wir wohl damals immer auf Pädagogen und Verantwortliche, die offen für das „Experiment“ waren und, die im Gegensatz zur aktuellen Diskussion, den Weg ohne viel Aufsehens darüber mitgegangen sind.

Erst im Gehen erkennt man den Weg

Meine persönliche Erfahrung in der schulischen Inklusion hat mir gezeigt, dass man den Weg erst im Gehen erkennt, dass manche Wege auch im ersten Moment krumm und schief erscheinen mögen und dennoch zum Ziel führen.

Schulische Prognosen können allein durch die Persönlichkeit und das Ver- und Zutrauen eines einzelnen Lehrers vollkommen verändert werden. Während meine Grundschullehrer noch die Meinung vertraten, dass ein Hauptschulabschluss in meinem Fall vollkommen ausreichen würde – dies spiegelte sich durchaus in meinen durchschnittlichen Noten in der Grundschule wider (self fullfilling prophecy) – traf ich in der Hauptschule auf einen wahren Pädagogen, der ein Urvertrauen in mich vom ersten Schultag entgegenbrachte und meine Persönlichkeit stärkte, so dass mein Notenschnitt um zwei Zensuren nach oben ging und ich schließlich den Übertritt aufs Gymnasium problemlos schaffte.

Die Musik als Brückenbauer

Ich stamme aus einer Musikerfamilie, wurde früh musikalisch gefördert und es gab für mich nur die einzige Entscheidung, auf das musische Gymnasium bei St. Stephan in Augsburg zu wechseln. Ich hatte diese Entscheidung getroffen und alle Beteiligten, Familie und Schule, hatten dies zu akzeptieren.

In St. Stephan erhielt ich die fundierte Förderung meiner musikalischen Begabung, bekam Klavier-, Kompositionsunterricht, sang bis zum Stimmbruch im Chor und kurz nach Beginn meines Schlagwerkunterrichts wurde ich Mitglied des Sinfonieorchesters.

Beim Zusammenspiel im Orchester spielte meine Behinderung keine Rolle. Sobald mich mein bester Freund auf den Paukenstuhl gesetzt hatte und unser Pater Anselm mit dem Dirigierstab den ersten Einsatz gab, verschmolzen wir zu einer starken Einheit. Hier war es egal, ob man groß, klein, schlank, dick, blond, braunhaarig, ob ich im Rollstuhl saß oder nicht. Nur die Leistung am Instrument war entscheidend und die erbrachte ich wie jeder andere im Orchester auch.

Schulbegleiter? Es geht auch ohne…

Während meiner gesamten Schulzeit hatte ich keinen Schulbegleiter. All die Aufgaben, die ein solcher Schulbegleiter erledigt, wurden mit der Zeit von der Klassen- und Schulgemeinschaft ganz selbstverständlich übernommen. Ich stehe dem derzeitigen Schulbegleitertrend kritisch gegenüber, aus der eigenen Erfahrung aber auch aus dem Grund, da sie als Erwachsene immer ein Störfaktor in der Gruppendynamik der Peer-Group sind, auch wenn sie sich noch so stark zurücknehmen.
Jede Sonderbehandlung sollte, soweit wie möglich, in der Inklusion vermieden werden.

Natürlich können pflegerische Tätigkeiten von Mitschülern nicht übernommen werden, alltägliches, wie das Aus- und Einräumen des Schulranzens, das Bringen in den Fachraum, das Mitschreiben von Tafelanschriften und ähnliches können aber klassenintern geregelt werden. Zumindest hat dies bei mir immer einwandfrei funktioniert.

Schulbegleitung macht für mich nur dann Sinn, wenn diese sich nicht nur ausschließlich um den Schüler mit der Behinderung kümmert sondern auch anderen Schülern zur Seite stehen kann, wenn die Schulbegleitung merkt, dass „sein“ Schützling im Moment keine Unterstützung benötigt sondern Schüler XY. Damit fehlt die Sonderstellung und -behandlung, das ist Inklusion.

Dies ist natürlich durchaus mit „Rangkämpfen“ innerhalb der Klasse verbunden, jeder einzelne muss seinen Platz in der Gemeinschaft finden, das ist ganz normal und Eltern tun gut daran, dies zuzulassen. Vorausgesetzt, das Ganze artet nicht in ein Mobbing aus, dann muss der Lehrer eingreifen.

Das Leben außerhalb der Norm

Nach neun Jahren an „meinem“ Gymnasium stand nun ein neuer Lebensabschnitt an. Mit einem guten Abitur in der Tasche immatrikulierte ich mich an der Universität Augsburg für die Fächer Musikwissenschaft, Musikpädagogik und Kunstgeschichte – mit dieser Fächerkombination endete zumindest mein Magisterstudium.

Während meine Schulzeit in geregelten Bahnen verlief, musste ich feststellen, dass Studenten mit Behinderung anscheinend nicht im universitären System vorgesehen sind. In der Schule war die Beförderung von Zuhause zur Schule und wieder zurück selbstverständlich geregelt, als Student gab es da erst mal keine behördlichen Zuständigkeiten.
Durch Zufall erfuhr ich vom Persönlichen Budget über das ich sowohl Kommilitonen für Unterstützungstätigkeiten in der Uni (Begleiten in die Fachräume, Anfertigen von Kopien, Hilfestellungen in der Bibliothek etc.) bezahlen konnte und auch die Fahrtkosten konnten darüber abgerechnet werden.
Dies endete abrupt, als ich 2007 bei „Wer wird Millionär“ 16000 € gewann. Was ich damals nicht wusste, war, dass das Persönliche Budget auf Grundlage von Hartz IV Vorgaben genehmigt wird. Damit hatte ich die „Vermögensgrenze“ von 2600 € überschritten. Dies hatte zur Folge, dass ich dieses Geld, das eigentlich teilweise als Grundkapital für meine sozio-kulturelle Konzertreihe „Roll and Walk“ und als Überbrückungsgeld für die Zeit nach dem Studium gedacht war, nun für meine Taxifahrten für den Rest des Studiums aufbrauchen musste…

„Wenn ich meinen Taktstock erhebe, spielt die Behinderung keine Rolle mehr“

2007 gründete ich meine Konzertreihe Roll and Walk. Dabei sammle ich einmal im Jahr befreundete Musiker um mich, probe mit ihnen eine Woche zusammen und führe mit ihnen ein Konzert im Kleinen Goldenen Saal auf.

Kulturgenuss ist ein Menschenrecht! Jedoch scheitert das Genießen oftmals daran, dass die Veranstaltungsorte nicht barrierefrei zugänglich, dass die Rollstuhlplätze auf ein Minimum reduziert sind und dass man teilweise zur Mitnahme von Begleitpersonen gezwungen ist. All dies gibt es bei Roll and Walk nicht. Die Menschen mit Behinderung bekommen freien Eintritt, die Rollstuhlplätze sind nicht reglementiert und nur wer will kann eine Begleitperson mitbringen.

Diese Maßnahmen erleichtern die Teilhabe. Mit der Zeit habe ich allerdings eine Stagnation der Zuhörer mit Behinderung festgestellt und habe den Kontakt mit den Werkstätten und Behinderteneinrichtungen aufgenommen, da ich wissen wollte, ob wir unsere „Zielgruppe“ werbetechnisch überhaupt erreichten. Dies wurde mir bestätigt, allerdings wurde mir mitgeteilt, dass viele Mitarbeiter und Bewohner den organisatorischen Aufwand meiden und auch Berührungsängste „mit der Welt da draußen“ bestünden. In diesem Zusammenhang beschloss ich, das Ganze zu einem Festival zu erweitern und Kammermusikkonzerte in den Einrichtungen zu veranstalten. Dies sollte die Kunst zu den Menschen bringen und gleichzeitig die Einrichtungen für die nichtbehinderte Gesellschaft öffnen und so Berührungsängste auf beiden Seiten abbauen.

Ein anderer Aspekt, der mir immer wichtiger wurde, war die aktive Teilgabe. Die Behindertencommunity verfügt über viele beeindruckende Künstler, nur leider fehlt ihnen oftmals die Wahrnehmung im normalen Kulturbetrieb. Um dieses Manko aufzubrechen, versuche ich, diesen Künstlern genreübergreifend, ein Podium zu bieten.
So konnte das Roll and Walkpublikum bereits Lyrikbeiträge zum Thema „Liebe – Lust – Leidenschaft“ von Menschen mit Beeinträchtigungen, Gebärdenpoesie von Rafael Grombelka oder auch den einarmigen Jazzsaxofonisten Stefan Tiefenbacher samt Band erleben.

2011 wurde die Aktion Mensch auf mich und mein Projekt aufmerksam und wir wurden Motiv ihrer bundesweiten Inklusionskampagne. Damit einhergehend wurde mein Engagement für die Inklusion auch politischer…

Politik als Türöffner

Ich habe gemerkt, dass die Musik durchaus ein geeignetes Instrument ist, um für die Belange von Menschen mit Behinderung zu sensibilisieren. Die Rahmenbedingungen für das gesellschaftliche Zusammenleben und damit für die Inklusion allerdings werden in der Politik geschaffen.

Die Junge Union Augsburg gewann mich 2009 als Leiter des Arbeitskreises „Kultur“ und schon bald betätigte ich mich auch im sozialpolitischen Bereich und konnte rasch Akzente in der Landes- und Bundespolitik, nicht nur in der JU sondern v.a. auch in der CSU, setzen.

Die damalige Landesvorsitzende und mittlerweile Bundestagsabgeordnete Katrin Albsteiger förderte mich und meine Aktivitäten und beim Parteivorsitzenden und Ministerpräsidenten von Bayern, Horst Seehofer, stieß ich mit meinen Inklusionsanliegen auf offene Ohren, nachdem ich ihn, wie die Süddeutsche Zeitung schrieb „sprachlos gemacht“ hatte beim Bericht der Aktivitäten der Augsburger JU. Endgültige Bekanntheit bei ihm und seinem damaligen Generalsekretär Alexander Dobrindt erlangte ich wohl, als ich beim Parteitag vor den Landtagswahlen 2013 ans Mikrofon fuhr und eine Erweiterung des Themas „Inklusion am Arbeitsmarkt“ beim Bayernplan einforderte und diese auch mit großer Mehrheit beschlossen wurde. Die logische Folge war dann nur das Regierungsziel „Barrierefreies Bayern 2023“…

„Wer die Welt verändern will, muss auffallen. Und das tun wir Menschen mit Behinderung von Natur aus“

Inklusion ist ein Prozess von gesamtgesellschaftlicher Relevanz. Damit dieser Prozess erfolgreich verläuft, ist es notwendig, dass wir Menschen mit Beeinträchtigungen im politischen Alltag wahrgenommen werden und nicht mehr nur punktuell und in extra anberaumten Events zu Wort kommen, falls wir da überhaupt selbst zu Wort kommen und nicht Verbandsmenschen über unsere Belange sprechen.

Die Behindertenverbände haben zweifellos einen wichtigen Beitrag zur UN-Behindertenrechtskonvention geleistet und es gibt mit Sicherheit Behinderungsformen, die nicht selbst für ihre Belange sprechen können. Auf der anderen Seite beobachte ich immer mehr eine Emanzipation von Individuen, die stark für die Interessen der Menschen mit Behinderung eintreten. Von diesen fordere ich, engagiert euch nicht nur im vorpolitischen Raum sondern in den Parteien direkt. Nur so wird die Umsetzung der UN-BRK in meinen Augen auch gelingen.

Die „To-do Liste“, angefangen von der Barrierefreiheit über die Fragen nach schulischer und arbeitsmarkttechnischer Inklusion bis hin zum Bundesteilhabegesetz sind lang. Packen wir es an!

Barrierefreiheit ist Notwendigkeit für die Einen, Komfortgewinn für Alle!

Das Thema „Inklusion“ scheint langsam seinen Weg in die Gesellschaft zu finden. Dass es auf breiteres Interesse stößt, zeigt u.a. die Tatsache, dass die Augsburger Bürgerinnen und Bürger mich bei der Kommunalwahl 2014 von einem nicht unbedingt aussichtsreichen Listenplatz 35 auf Platz 8 bewusst vorgewählt haben.
Seit Mai bin ich Stadtrat von Augsburg, der erste im Rollstuhl und ich versuche ein authentisches Sprachrohr für die Belange der Menschen mit Behinderung und ihrer Angehörigen zu sein.

Ich hoffe darauf, dass noch viele weitere Menschen mit Beeinträchtigung den Schritt in die Politik wagen, denn ich bin der Meinung, dass wir in einer Bringschuld sind bei der Realisierung der Inklusion. Wir müssen unser Expertenwissen einbringen, damit Bedenken und Barrieren in den Köpfen abgebaut werden!

 

11. Oktober 2017